Terror in der Türkei: Die Schuld der anderen

epa04854206 People run away during an explosion at a cultural center in Suruc, Sanliurfa province, Turkey, 20 July 2015. At least 20 people were killed and some 100 wounded in a suicide blast ouside a cultural centre in Suruc, Sanliurfa province. The incident took place in Suruc, across from northern Syria town Kobane, which was the scene of heavy battles earlier this year between Kurdish fighters, backed by United States-led airstrikes, and the Islamic State extremist group. Nearlt at the same time, casualties were reported in a car bombing in Kobane near a checkpoint close to the Syrian-Turkish border. EPA/DICLE NEWS AGENCY BEST QUALITY AVAILABLE ; TURKEY OUT +++(c) dpa - Bildfunk+++

epa04854206 People run away during an explosion at a cultural center in Suruc, Sanliurfa province, Turkey, 20 July 2015. At least 20 people were killed and some 100 wounded in a suicide blast ouside a cultural centre in Suruc, Sanliurfa province. The incident took place in Suruc, across from northern Syria town Kobane, which was the scene of heavy battles earlier this year between Kurdish fighters, backed by United States-led airstrikes, and the Islamic State extremist group. Nearlt at the same time, casualties were reported in a car bombing in Kobane near a checkpoint close to the Syrian-Turkish border. EPA/DICLE NEWS AGENCY BEST QUALITY AVAILABLE ; TURKEY OUT +++(c) dpa – Bildfunk+++

In der Türkei gehört der Terror zum Alltag, die Gesellschaft nimmt das Morden hin. Sie entschuldigt die Taten sogar, wenn die Täter dem eigenen Lager nahestehen. Dieser Irrsinn spaltet das Land.

Am Montag starben 32 Menschen in Suruc, einem türkischen Grenzort nahe dem syrischen Kobane, als sich ein 20-jähriger Selbstmordattentäter in die Luft sprengte.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war er ein Anhänger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Der Anschlag wäre Grund genug gewesen, Staatstrauer auszurufen und die Flaggen im ganzen Land auf Halbmast wehen zu lassen. Aber nichts dergleichen geschah. Die regierungsnahen Zeitungen, bekannt für ihre hysterische Berichterstattung und vorschnellen Schuldzuweisungen, versteckten den Hinweis, es handele sich vermutlich um eine Tat des IS, in den hinteren Zeilen. Weglassen konnten sie ihn nicht, immerhin hatte Premierminister Ahmet Davutoglu selbst erklärt, er gehe von der Täterschaft der Extremisten aus. Es waren selten kritische Töne aus Ankara. Trotzdem hat die türkische Regierung den IS bislang nicht offiziell zur Terrororganisation erklärt, die Miliz ist in der Türkei immer noch nicht verboten.Eine Blamage für die Regierung

Tausende Regierungsgegner wollten nach dem Anschlag von Suruc im ganzen Land auf die Straße gehen, wurden aber daran gehindert. Überall trieb die Polizei die Demonstranten auseinander, mit Tränengas und Wasserwerfern. Angeblich war man nur um ihre Sicherheit besorgt. Nicht, dass sie auch zum Ziel eines Anschlags würden, hieß es zur Begründung. Ein Gericht verbot sogar die Verbreitung von Fotos und Videos von der Bluttat, als könnte man den Terror durch Ignorieren unwirklich werden lassen – und damit auch die Blamage für die Regierung, den IS jahrelang heimlich gefördert zu haben und nun selbst Opfer dieser Barbaren geworden zu sein. Weil es sich bei den Toten und Verletzten um regierungskritische, prokurdische Aktivisten handelt, reden manche Politiker nun so, als handele es sich um Opfer zweiter Klasse.

Am Mittwoch wurden in Ceylanpinar, knapp 200 Kilometer östlich vom Anschlagsort, zwei Polizisten tot aufgefunden, niedergestreckt mit Kopfschüssen. Wenige Stunden später bekannte sich der militärische Arm der Untergrundorganisation Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu der Tat. Es habe sich um eine „Strafaktion“ gehandelt, als „Vergeltung für das Massaker in Suruc“, ausgeführt „um 6 Uhr morgens“. Es war eine kaltblütige Exekution, ein terroristischer Akt der Selbstjustiz, weil die PKK offensichtlich davon ausging, dass die Polizisten Sympathie für den IS gehegt hatten.

Verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit

Prompt begannen Anhänger der kurdischen Sache, die PKK gegen Kritik zu verteidigen. Man könne verstehen, dass die Kurden sich wehren, lautete der Tenor in den sozialen Medien. Es war der billige Versuch, blutigen Terror zur heldenhaften Selbstverteidigung umzudeuten. Nicht nur manche Kurden vertraten diese Haltung, sondern auch ein paar regierungskritische Türken – nach dem Motto: Es hat ja die Richtigen getroffen. Dass die PKK den Bemühungen, ein friedliches Zusammenleben zwischen Kurden und Türken auf politischem Wege zu erreichen, einen Rückschlag verpasst hat, davon redete niemand.Es mag eine menschliche Regung sein, die Schuld immer bei den anderen zu suchen und Nachsicht mit Tätern zu üben, die man zum eigenen Lager rechnet. Doch diese verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit auf allen Seiten vertieft die Gräben in der türkischen Gesellschaft. Sie gefährdet den Frieden, weil sie pauschal verurteilt, anstatt differenziert zu betrachten und nach einer konstruktiven Lösung zu suchen.

Und sie täuscht darüber hinweg: Terror ist Terror, Mord ist Mord, egal wer ihn begeht.



Kategorien:Allgemein

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